
Wenn es ein Gesellschaftsspiel auf die Startseite von tageschau.de schafft und es nicht das Spiel des Jahres ist, dann muss es ein besonderes Spiel sein. Geschafft hat das „Boss Fighters QR“. Mitte Juli wurde das Spiel aus dem Hause Pegasus Spiele im Zusammenhang mit der „Spiel des Jahres“ Preisverleihung auf der Onlineseite des Nachrichtenkanals vorgestellt. „Boss Fighters QR” war für das Kennerspiel des Jahres nominiert. Den Preis hat am Ende „Rebirth“ eingeheimst. Was „Boss Fighters QR” für die Redaktion der Tagesschau zum Thema machte, war die Tatsache, dass hier ohne App nichts läuft. Das Spiel der Autoren Michael Palm und Lukas Zach kombiniert analoge Elemente mit einem nur digital auf dem Smartphone oder Tablet vorhandenen Gegner. Noch ist das eine Ausnahme in der Spielewelt, aber es könnte ein Trend werden. Dass es dazu kommen könnte, dafür hat „Boss Fighters QR” mit den Illustrationen von Bartłomiej Kordowski und Maximilian Jasionowski jedenfalls schon mal eine gute Vorlage geliefert.
Wie funktioniert es?

„Boss Fighters QR“ ist ein kooperatives Spiel, bei dem wir gemeinsam als Gruppe von bis zu vier Personen versuchen einen fiesen Bösewicht zu besiegen. Dazu schlüpfen wir jeweils in eine von vier klassischen Heldenrollen, die wir aus Fantasygeschichten wie „Der Herr der Ringe“ kennen; wir sind Zwerg oder Elfe, Halbling oder Troll. Jeder dieser Charaktere hat ein individuelles Kartendeck. Das Kartendeck meines Charakters wird kombiniert mit einem Kartendeck einer Klasse, von denen es ebenfalls vier gibt. Zur Wahl stehen hier Krieger, Magier, Schurke und Druide.

Die beiden Kartendecks, die meines Charakters und die der Klasse werden zusammengemischt zu einem einzigen Deck. Abhängig von den Angaben auf meiner Charakterkarte und der gewählten Klassenkarte, ziehe ich entsprechend viele Karten auf die Hand. Dann geht es darum mit den Karten aus meinem Deck in Zusammenarbeit mit den anderen Leuten am Tisch den Boss-Bösewicht auf dem digitalen Endgerät zu besiegen.

Denn während unsere Kartendecks und der Zähler für die Anzahl unserer Lebenspunkte wie auch besondere Marker alle haptisch vor uns liegen, ist der Oberschurke digital animiert und wird aus einer App zum Spiel dazugeschaltet. Seine Lebenspunkte und alle seine Eigenschaften sind nur in der App zu sehen. Deshalb gilt es vor Spielbeginn die App zum Spiel herunterzuladen. Das geht nach meiner Erfahrung schnell und problemlos. Die App führt gut ins Spiel ein und bietet verschiedene Auswahlmöglichkeiten, zum Beispiel welche Schwierigkeitsstufe wir spielen wollen. Um nun analoge und digitale Welt zusammenzubringen, gibt es einen QR-Code auf der Rückseite jeder Karte.

Nachdem wir unsere Sitzposition auf der App mit Hilfe der Charakter- und Klassenkarte angegeben haben, kann es losgehen. Gespielt wird über Runden, die in Phasen unterteilt sind. Wir sehen zunächst welche Lebenspunkte unser Gegner hat und welche Eigenschaften und Schutzschilde. Wir sehen auch, mit welchen Angriffen wir am Ende der Runde zu rechnen haben. Eine Person beginnt und dann geht es in der Regel im Uhrzeigersinn weiter. Wir dürfen uns über unsere Karten unterhalten und eine Strategie absprechen. Wir müssen dabei bedenken, dass wir in einer Runde standardmäßig nur jeweils drei Karten pro Person ausspielen dürfen. Manche Karten erlauben es zusätzlich Karten zu ziehen oder zu spielen.

Bin ich am Zug und will eine meiner Handkarten spielen, halte ich den QR-Code auf der Rückseite der Karte über die Kamera des Tablets oder Smartphones. Den Rest macht die App. Sie verrechnet den Schaden, den der Boss-Gegner nimmt und löst die Reaktion des Oberschurken aus. Anhand der Reaktion beraten wir dann das weitere Vorgehen. Wollen wir unsere Strategie ändern? Sind andere Karten gefragt? Denn es gibt unterschiedliche Arten, wie wir dem Boss Schaden zufügen können. Umgekehrt will uns der Boss-Bösewicht aber auch Schaden zufügen, also müssen wir uns schützen. Denn, sobald jemand aus der Gruppe keine Lebenspunkte mehr hat, haben wir alle gemeinsam verloren. Reihum spielen wir also Karten aus. Dabei legen wir ausgespielte Karten nicht sofort auf unseren Ablagespatel, sondern zunächst vor uns aus. Erst am Ende der Runde werden die in dieser Runde gespielten Karten abgelegt. Können wir keine Karte mehr nachziehen, wird der Ablagestapel gemischt und ein neuer Nachziehstapel entsteht. Die App unterstützt uns bei allen Dingen, erinnert uns daran Karten zu ziehen oder abzuwerfen und zeigt zum Beispiel an, wer jetzt am Zug ist. Sie ist dabei sehr detailliert und macht alles Schritt für Schritt und wartet bis wir reagieren. Haben wir einen Boss-Bösewicht besiegt, öffnen wir Schachteln, in denen sich Karten befinden, mit denen wir unsere Kartendecks verbessern können. Dann können wir den nächsten Schurken angehen.
Einschätzung

Eigentlich bin ich kein großer Freund der Vermischung von analogen Spielen und digitalen Elementen. Oft funktioniert das nicht wirklich so gut. Bei „Boss Fighters QR“ ist das anders. Hier stimmt die Mischung! Das fühlt sich einfach alles gut und richtig an! Das haptische Element durch die Karten in meiner Hand, die Marker und die Scheibe für meinen Lebensstand sind traditionell und gut. Der zusätzliche Spaß kommt dann durch den Boss, der vor uns auf dem Tablet auftaucht, mit all den Vorteilen, die so eine digitale Animation bietet. Das bringt zusätzliche Lebendigkeit und Laune. Die Unterstützung durch die App ist zudem sehr hilfreich und verhindert Spielfehler, wie sie sonst schon mal vorkommen können. Die Reaktionen des Boss-Bösewichts richtig zu deuten und daraus die richtigen Entscheidungen für das weitere Vorgehen zu ziehen, ist ein zusätzliches gelungenes Element. Es sorgt dafür nicht einfach blindlings loszuschlagen, sondern taktisch klug und überlegt zu agieren. Schön finde ich die Variabilität, die dadurch erreicht wird, dass ich den gewählten Charakter mit einer Klasse kombinieren kann. Dass es verschiedene Schwierigkeitsstufen bei den Bossen gibt und die App viel hilft, erleichtert den Einstieg. Es macht das Spiel auch anpassbar für verschiedene Gruppen mit unterschiedlichem Erfahrungsschatz und verhindert zu großen Frust, wenn ein Boss nicht besiegt werden kann.

Da die Karten der einzelnen Decks gekennzeichnet sind, kann immer wieder alles in den Ursprungszustand zurückversetzt werden. So kann ich mit anderen Leuten und anderem Charakter das Abenteuer noch einmal erleben. Zudem können alles Spielstände sogar für mehrere Spielegruppen gespeichert werden. Insgesamt ist „Boss Fighters QR“ eine Empfehlung für alle Leute, die gerne im Genre Fantasy unterwegs sind und die keine Scheu vor neuen Ideen und Erfahrungen haben und gerne kooperative Spiele spielen. Es ist nachvollziehbar, dass das Spiel zu einem der stärksten Spiele in diesem Jahrgang gewählt wurde.
„Boss Fighters QR“
Autor: Michael Palm, Lukas Zach
Illustration: Bartłomiej Kordowski, Maximilian Jasionowski
Verlag: Pegasus Spiele
Für 2 – 4 Spieler
Ab 10 Jahren
Dauer: 60 Minuten
Preis: 40 Euro
