Western Legends

© Kolossal Games

Es gibt so Spiele, die erregen schnell Aufmerksamkeit und ziehen einen magisch an. Das liegt manchmal an der Aufmachung, manchmal an der Werbung und manchmal auch am Thema. Bei „Western Legends“ waren es für mich Aufmachung und Thema. Damit hatte „Western Legends“ schon auf der Spiel in Essen meine Aufmerksamkeit erregt. Doch der relativ hohe Preis und die fehlende Möglichkeit das Spiel auszuprobieren hatten mich von einem Kauf abgehalten. Nun hatte ich Gelegenheit das Spiel von Kolossal Games ausführlich auszuprobieren.

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Wie funktioniert es?
Western Legends“ ist ein Open-Sandbox-Spiel. Das bedeutet zwei Dinge: Erstens, dass es im Spiel mehrere Handlungsoptionen gibt, unter denen ich wählen kann und dann entsprechend einem bestimmten Pfad folge. Den ich aber auch wieder verlassen kann, um einen anderen Weg einzuschlagen. Jeder Spieler wählt ganz individuell, was er tut. Zweitens, dass „Western Legends“ im Grunde wie ein Tabletop angelegt ist. Das heißt, dass ich mich mit meiner Spielfigur frei (aber schon nach bestimmten Regeln) über das Spielbrett bewege, um an verschiedenen Orten Aktionen auszuführen und um mit den Spielfiguren anderer Spieler oder auch mit Nichtspielercharakteren (NSC) zu interagieren. Das Spielbrett ist recht groß und umfasst eine typische Landschaft des „Wilden Westens“ mit zwei kleinen Städten, zwei Ranchs, einer Bahnstation und drei Goldminen, dazu kommen noch sechs Verstecke, in den sich Banditen aufhalten. Ziel des Spiels ist es möglichst viele Legendenpunkte zu holen.

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Zu Beginn wählt jeder Spieler unter zwei zufällig zugeteilten Charakteren einen aus. Dieser Charakter bestimmt oft schon, welchen Pfad der Spieler einschlagen wird. Da gibt es den „Wanted“-Pfad der gesuchten Verbrecher, die durch Charaktere wie Billy the Kid oder Jesse James vertreten sind. Auf der anderen Seite stehen solche Charaktere wie Wyatt Earp und Bass Reeves (Er war der erste afroamerikanische U.S. Hilfsmarschall westlich des Mississippi) für den Weg der Marschalls. Die meisten Charaktere starten aber neutral, ohne schon auf einen Weg festgelegt zu sein. Übrigens befinden sich auf der Rückseite jeder Charakterkarte kurze Texte zu den historischen Hintergründen jedes Charakters. Denn hierbei handelt es sich jeweils um Persönlichkeiten, die tatsächlich gelebt haben. Winnetou oder Old Shatterhand sucht man also vergebens. Außerdem ist auf jeder Charakterkarte vermerkt, wo die Spielfigur dieses Charakters auf dem Spielbrett startet und welchen Startbonus es noch für diesen Charakter gibt. Der Spieler, dessen Charakter am weitesten auf dem „Wanted“-Pfad vorne steht, beginnt das Spiel, dann geht es im Uhrzeigersinn weiter.

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Ist eine Spieler am Zug, so hat er drei Phasen. In der Startphase nimmt er sich entweder Geld und / oder Pokerkarten. Die Pokerkarten bei „Western Legends“ sind ein komplettes Pokerdeck. Die Karten werden aber nicht nur zum Pokern verwendet, sondern dienen auch als Aktions-, Reaktions- und Bonuskarten. Zudem werden sie auch für die diversen Kämpfe verwendet, zu denen es kommen kann. Außerdem wählt der Spieler in der Startphase eine Waffe und ein Reittier, die er in diesem Spielzug verwenden will.

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Diese Gegenstände gibt es im General Store zu kaufen, wofür unter anderem das Geld benötigt wird. Ist ein Spieler entsprechend ausgerüstet, kann er sich in die Aktionsphase begeben und drei Aktionen ausführen, die er beliebig kombinieren kann. Hier hat er die Wahl. Er kann sich bewegen, die Aktion einer Pokerkarte nutzen, eine Ortsaktion ausführen oder kämpfen. Bei den Ortsaktionen kann der Spieler auf einer Ranch Vieh einsammeln und mittels Viehtrieb bei der Bahnstation abgeben. Ist er ein „Wanted“ Spieler, so stiehlt er das Vieh jedoch und bringt es zu einer anderen Ranch, um es dort abzugeben. Der Spieler kann im Saloon eine Pokerpartie beginnen. Hier können auch alle Spieler mitmachen, die sich in derselben Stadt wie der aktive Spieler befinden. Sie müssen nur einen Einsatz von zehn Dollar mitbringen. Wer gewinnt erhält die Einsätze aller Spieler plus 50 Dollar von der Bank. Gewinnt der aktive Spieler die von ihm ausgelöste Pokerrunde, so erhält er hierfür zudem noch einen der begehrten Legendenpunkte. Denn, wie gesagt, am Ende hat bei „Western Legends“ der die Nase vorne, der die meisten Legendenpunkte sammeln konnte. Im General Store kann der aktive Spieler Waren einkaufen.

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Und zwar so viele er will; allerdings mit der Einschränkung, dass nicht mehr als ein Gegenstand pro Warensorte erstanden werden darf und außerdem ist die maximale Geldmenge, die ein Spieler mit sich führen darf auf 120 Dollar beschränkt. Das limitiert die Einkaufstour dann schon. Die erworbenen Waren legt der Spieler auf sein persönliches Tableau, wo sich auch seine Charakterkarte befindet. Dort ist auch Platz für sein Geld und Goldnuggets. Denn neues Geld gibt es unter anderem durch den Verkauf von Goldnuggets an die Bank, wofür es auch wieder Legendenpunkte gibt. Die Goldnuggets muss man natürlich zuvor in einer Goldmine geschürft haben. Geld von der Bank gibt es übrigens auch, wenn man diese überfällt! Dafür muss man aber den Wachmann besiegen. Und das geht nur im Kampf. Hier kommen dann die Pokerkarten zum Einsatz. Der aktive Spiele wählt unter seinen Pokerkarten von der Hand eine aus und legt sie verdeckt in die Mitte.

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Ein Mitspieler übernimmt die Rolle des Wachmanns und zieht von einem Kampfkartenstapel für die Nichtspielercharaktere Karten. Auch er wählt eine davon aus und legt diese in die Mitte. Beide Karten werden umgedreht und der Charakter mit dem höheren Kartenwert gewinnt. Durch Reaktionen und Bonusse von Waffen und Karten kann das Ergebnis noch verändert werden. Die Kämpfe bei „Western Legends“ folgen alle dem selben Muster. Egal ob man mit dem Wachmann der Bank, dem Sheriff, einem Banditen oder anderen Spielern kämpft. Hat man durch Bankraub oder Goldnuggetverkauf Geld erhalten, kann dieses im Varieté direkt in Legendenpunkte verwandelt werden. Neben dem Varieté befindet sich noch der Doktor, hier können Wunden, die Spieler-Charaktere im Kampf erhalten haben, geheilt werden. Wunden führen zwar nicht zum Tod oder Ausscheiden eines Charakters, aber sie limitieren die Anzahl der Pokerkarten, die ein Spieler am Ende seines Zuges auf der Hand haben darf noch weiter. Denn das Handkartenlimit beträgt auch so schon nur fünf Karten am Ende des Zuges. In der Schlussphase werden aber nicht nur etwaige überzählige Karten abgeworfen. Dort werden auch die Storykarten abgehandelt. Sie bringen den Spielern Vorteile, die daran beteiligt waren bestimmte Aufgaben zu erfüllen. Und die Storykarten setzen den Sheriff in Bewegung, der die „Wanted“ Spieler verfolgt. In der Schlussphase wird außerdem geprüft, ob das Spielende eingeläutet wird. Das geschieht dann, wenn der erste Spieler eine bestimmte Anzahl Legendenpunkte erreicht hat. Dann folgt eine Schlussrunde und eine Endwertung, in der zum Beispiel aufgewertete Ausrüstungsgegenstände und noch vorhandenes Geld mit Legendenpunkten belohnt werden. Wer nun insgesamt die meisten Legendenpunkte aufweist, ist die größte Legende im Wilden Westen.

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Einschätzung
Zunächst war ich skeptisch: „High Noon“ auf dem Tisch, funktioniert das? Inzwischen bin ich von „Western Legends“ recht angetan. Das Design ist wirklich gelungen und verbreitet eine dem Wilden Westen entsprechende Atmosphäre. Das Material ist vielfältig, hochwertig und funktional. Besonders angetan bin ich vom General Store, in dem die Waren platziert werden. Leider liegt der Deutschen Ausgabe keine Anleitung bei, die dieser zusammengebaut werden muss. Im Netz findet sich aber eine Anleitung. Dank einer ausführlichen Regelerklärung mit Beispielen erschließt sich das Spielprinzip recht schnell und dennoch gibt es viele Details auf die es zu achten gilt. Gerade in der ersten Partie geht da gerne mal was vergessen.

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Um die Spieler zu unterstützen gibt es für jeden ein ausführliches und dennoch übersichtliches Infoblatt, das sich jeder Spieler vorher gründlich anschauen sollte. Vor allem, wenn man noch nie gepokert hat! Hat man das Spiel im Griff, bieten sich etliche Möglichkeiten, wie man den eigenen Weg im Spiel bestreiten will. Mit am lukrativsten und sichersten scheint es zu sein, Gold zu schürfen und dieses an die Bank zu verkaufen. Aber auch andere Wege haben sich schon als erfolgreich erwiesen. Fakt ist: Die „Wanted“Spieler kommen auf der Leiste mit den Legendenpunkten schneller voran, da sie am Ende jedes eigenen Zuges Legendenpunkte erhalten. Aber sie schweben eben auch in der Gefahr vom Sheriff oder von MarschallSpielern gefangen zu werden und alle Punkte auf dem „Wanted“Pfad zu verlieren; mal ganz abgesehen von Geld und Vieh, das so flöten geht (Ich weiß wovon ich rede). Da kommt es eben darauf an, die richtigen Karten auf der Hand zu haben. Und da wären wir dann auch schon beim Thema Kartenglück. Als Spieler sollte ich vor allem nach den Karten, die ich habe, entscheiden was ich mache. Das hilft mir nur nichts, wenn ich in einen Kampf gezwungen werde, weil mich ein „Wanted“Spieler überfallen will. Also heißt es gute Karten nicht leichtfertig herzugeben, sondern für entscheidende Situationen aufzuheben.

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Dieser und andere Tipps finden sich am Ende der Spielanleitung und sollten allen Spielern vor einer Partie mitgeteilt werden. Dazu gehört zum Beispiel auch, dass ein Reittier immens wichtig ist, um vernünftig vom Fleck zu kommen. Das Gesagte macht sicher deutlich, dass „Western Legends“ kein Familienspiel ist und gewiss nichts für Gelegenheitsspieler. Es ist aber genau das richtige Spiel für Leute, die sich mit Freunden gerne auch mal unterhaltsame zwei Stunden im Wilden Westen bewegen und dort spannende Abenteuer erleben. Denn genau das bietet „Western Legends“: Unterhaltung und Spannung. Dabei ist jede Partie neu, weil ich mit einem anderen Charakter einen neuen Weg einschlagen kann. Die Aktionsmöglichkeiten sind wirklich vielfältig und interessant. Insgesamt kann ich „Western Legends“ trotz seines recht hohen Preises nur empfehlen und freue mich schon auf unsere nächste Partie.

„Western Legends“
Autor: Hervé Lemaitre
Verlag: Kolossal
Games
Für 2 – 6 Spieler
Ab 14 Jahren
Dauer: 120 Minuten
Preis: 65 Euro

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